
Über den KI-Tellerrand geschaut: Was machen die Nachbarn?
Kanzleioptimistin Angela Hamatschek besucht Tax-Konferenzen im Ausland, um nach Zukunftstrends zu forschen und nachzusehen, wo die Steuerbranche andernortens steht.
Inhaltsverzeichnis
Angela Hamatschek berät Kanzleien dabei, sich zukunftsfähig aufzustellen. Um selbst den Steuerbranchenfinger auf dem Puls zu haben, schaut sie auch gerne mal persönlich nach, was auf Fachmessen im Ausland als Zukunftstrend gilt. Wir freuen uns, dass die Kanzleioptimistin sich die Zeit genommen hat, von ihrer letzten Reise zu berichten.

Angela Hamatschek
Kanzleientwicklung und KI für Steuerberater
Hallo, ich bin Angela Hamatschek und ich bin Kanzleioptimistin: Ich beobachte die Trends und Entwicklungen in der Steuerbranche und unterstütze Steuerberatende dabei, ihre Kanzlei zukunftsfähig aufzustellen und zu entwickeln. Dafür liefere ich Impulse, Ideen und praktische Umsetzungstipps, mit denen sie vorwärtskommen.
Carola Heine: Liebe Angela, du besuchst nicht nur die Steuerbranchen-Events in Deutschland, du fliegst sogar ins Ausland, um dich über aktuelle Trends zu informieren.
Angela Hamatschek: Ja, genau. Also einmal im Jahr gönnen meine Kollegin Cordula und ich uns die Accountex in London, immer im Mai. Das ist im europäischen englischsprachigen Raum die größte Messe für Steuerberaterinnen und Steuerberater, wir besuchen diese Veranstaltung bereits seit 2017.
Der englischsprachige Raum ist unserem technologisch immer so fünf Jahre voraus, vielleicht sind es auch zehn. Also fahren wir dorthin, um die Zukunft zu sehen. Das Besondere an der Accountex ist auch die Größenordnung, sie findet in einer sehr großen Messehalle statt und es waren diesmal über 300 Aussteller dort.
Carola Heine: Und über 17.000 Besucher – also schon einige Male größer als das, war wir so kennen. Mit welchen deutschen Events vergleichst du dieses Erlebnis?
Angela Hamatschek: STbExpo, TaxArena. Die Accountex ist schon sehr imposant von der Größenordnung her, aber was für mich das Spannende ist: Jede Ausstellerfirma hat so kleine Vortragskabinen. Da passen immer etwa 50 Leute rein und von 10 Uhr morgens bis 17 Uhr findet parallel in allen Kabinen ein Vortrag statt und keiner wird wiederholt. Man hat also eine sehr große Auswahl, das ist mein größtes FOMO: Ich schaffe nur 10 Vorträge in den zwei Tagen und dann ist mein Kopf voll.
Carola Heine: Nach welchen Kriterien wählt ihr aus?
Angela Hamatschek: Zum Glück sind wir da zu zweit, wir trennen uns dann. In diesem Jahr habe ich mir alles zu KI, Automatisierung und Technologie angehört. Cordula geht dann auch schon mal zu Führung und Honorarthemen. Was man wirklich super sehen kann im Laufe der Jahre, das sind die „großen“ Trends. Denn zu denen gibt es dann immer die meisten Vorträge.
Ab 2017 war Digitalisierung das große Thema überall. Das wurde durch Corona nicht weniger. Dann danach, 2023, hieß es „Ihr müsst automatisieren“. In diesem Jahr war es dann KI.
Carola Heine: Aber sind das denn nicht auch genau die Themen, die in Deutschland trenden?
Angela Hamatschek: Vom großen Thema her schon, aber die Aussteller haben schon sehr spannende Apps, Ideen und Entwicklungen im Programm, die ich mir dann gerne zeigen lasse. Auch wenn ich weiß, dann habe ich erst mal Frust, weil ich genau diese Dinge eigentlich gerne mit nach Hause nehmen würde.
Carola Heine: Was denn zum Beispiel?
Angela Hamatschek: Eine Buchhaltungslösung für Mandanten und Steuerberatende, die damit dann zusammenarbeiten können wie bei Lexware Office, aber nebenbei kann man dann noch sehr coole KI-Funktionen nutzen – zum Beispielgibt es ein KI-Chatfenster, während man bucht, so dass man parallel Fragen stellen und sich auch Auswertungen liefern lassen kann. Das war so schön integriert alles, hat mir sehr gut gefallen.
Carola Heine: Der Trend geht also zur Verfeinerung der Möglichkeiten mit KI. Gibt es dafür auch ein Buzzword?
Angela Hamatschek: Dafür nicht, aber ich habe ein anderes gelernt. Thematisch hat sich das durch die ganze Accountax gezogen und besonders nachhaltig beeindruckt hat mich ein Vortrag des Geschäftsführers der offiziellen englischen Ausbildungsorganisation für Steuerberater. Der hat nämlich gesagt:
Bisher haben wir in der „Knowledge Economy“ gelebt, im Informationszeitalter. Durch KI gelangen wir jetzt in die „Judgement Economy“, Judgement im Sinne von Beurteilen/Bewerten. Denn Steuerberater sind nicht mehr die Experten und Hüter des Fachwissens, das ist jetzt die KI – das kann die einfach am allerbesten. Was wir Menschen als Fachleute und Steuerberatende besser können: Einen Sachverhalt beurteilen und ihn mandantenspezifisch bewerten.
Er hatte ein sehr schönes Bild dazu: Alle reden von Agenten und KI und Human in the Loop, denn der Mensch muss ja irgendwo in diesem Kreislauf dazugehören und prüfen, wenn wir weiterdenken. Orchestrieren, was die Agenten machen und so weiter. Er nannte das „wir werden zu Human on the Loop. Im Loop arbeiten die Assistenzen miteinander und der Steuerberater oder Experte überwacht den Ablauf.
Außerdem hat er gesagt, dass es zwar noch eine Weile dauern wird, aber dann kommt eine dritte Stufe auf uns zu: Human in the Lead.
Der Mensch sagt dann nur noch, was er will und die KI arbeitet es ab. Das finde ich eine ganz großartige Entwicklung, die er dann auch in Stufen aufgezeigt hat – und danach hat er gesagt, das englische Steuerberater-Ausbildungsprogramm wird das in Kürze berücksichtigen: „Wir werden ein Fortbildungsprogramm für Steuerberater aufsetzen, dass genau diese drei Stufen geht“. Das finde ich Wahnsinn.
Wie kann ein Steuerberater als Human in the loop auf den Ablauf und die Ergebnisse gucken? Wie nutzt man das vernünftig? Dann die zweite Stufe „on the loop“: Wie kann ich in so einem Kreislaufgedanken bessere Entscheidungen treffen? – und schließlich die dritte Stufe, wie arbeite ich so mit den Mandanten und der KI zusammen, dass der Mandant bessere Entscheidungen treffen kann. Das wird alles Ausbildungsinhalt werden und damit auch Prüfungsinhalt.
Carola Heine: Es hört sich spannend an, aber lässt sich das denn in das sehr komplexe deutsche System überhaupt übertragen? Mein Eindruck war, dass wir hier noch einige, sag ich mal, Steine im Weg liegen haben bei der Umsetzung von vielen Dingen, die Steuerberatende in anderen Ländern dürfen. Gesetzliche Regelungen, Datenschutzeinschränkungen und einige Hürden mehr, die es in anderen Ländern nicht unbedingt gibt.
Angela Hamatschek: Richtig, die englischsprachigen Länder sind nicht ganz so datenschutzgetrieben wie wir hier in Deutschland. Unser System hat seine Berechtigung, aber wie du schon sagtest, es kann auch ein Hemmschuh sein. Wir können nicht immer alles machen, was wir wollen – in diesem Spannungsfeld muss man sich bewegen.
Das ist auch einer der Gründe, warum ich auf die Accountex fahre. Ich weiß natürlich, dass die Aussagen nicht 1:1 übertragbar sind oder eben manchmal auch gar nicht. Aber es bringt mich zum Nachdenken, es gibt mir Anregungen mit und wo entsteht gerade eine Lücke. Eine Lücke die ich auch in Deutschland sehe, denn es gibt Steuerberater, die haben noch Pendelordner. Und andere, die bereits wissen, wie man mit KI umgeht. Die Lücke wird immer größer und wenn ich in London bin, dann sehe ich noch eine andere Lücke, die sich auftut. Das beschäftigt mich schon.
Carola Heine: Würden die Engländer über unsere Pendelordner-Verwalter also lachen?
Angela Hamatschek: Das auch wieder nicht, denn auch in England sind immer noch viele Mandanten „Excel-getrieben“. Da gibt es auch noch einiges an Nachholbedarf, aber dafür sorgt gerade die Regierung. Sie arbeiten schon seit vielen Jahren an einem Programm namens „MTD Making Tax Digital“. Das hätte es 2019 schon geben sollen, aber auch da klappt eben nicht immer alles wie geplant. Aber jetzt ist es tatsächlich so, dass alle Belege ans Finanzamt übermittelt werden müssen, so ähnlich wie bei uns die E-Rechnung und dann erstellt am Ende das Finanzamt deine Steuererklärung.
Carola Heine: Hier gab es ja auch Pilotprojekte, wo Steuererklärungen automatisch erstellt wurden. Ich habe eigentlich nur skeptische Stimmen dazu gehört.
Angela Hamatschek: Ja, dass man dann am Anfang skeptisch ist, das verstehe ich. Ich denke mir immer: das ist halt eine Entwicklungsphase. Natürlich wird es im ersten Jahr nicht rund laufen. Das ist bei Technik immer so. Im ersten Jahr läuft es nicht rund, das ist eine Iterationsschleife, die durchlaufen werden muss. Da läuft was schief, dann justiert man nach. So geht Software, so geht auch KI. Auch die Engländer haben fünf Jahre gebraucht, bis sie es hingekriegt haben. Vielleicht dauert es in Deutschland dann zehn, keine Ahnung. Aber es kommt. Das ist die relevante Aussage: Es kommt.
Carola Heine: Du hast dir also nicht nur neue Technologie vorführen lassen, du hast auch Mindset-Dinge für dich mitgenommen, wie man Löungen angehen kann, wie unterschiedliche Mentalitäten sich auswirken können. Aber ich weiß etwas, das auf deutschen Events trotzdem viel, viel besser sein wird für dich.
Angela Hamatschek: Was?
Carola Heine: Du triffst reihenweise Netzwerkfreunde.
Angela Hamatschek: Ja, das stimmt. In England treffe ich Cordula, denn mit der fahre ich ja gemeinsam. Einmal haben mich zwei Berater aus Österreich erkannt, die unseren Podcast hören, da habe ich mich sehr gefreut, als sie mir über den Weg gelaufen sind und mich begrüßten und dann sagten: Wir haben in eurem Blog von der Accountex erfahren und sind deshalb hier.
Carola Heine: Schön, dass du einen echten Fan getroffen hast. Fahrt Ihr nächstes Jahr wieder hin? Wirst du uns dann berichten, wenn es umwälzende Neuigkeiten und Trends gibt?
Angela Hamatschek: Selbstverständlich. Sehr gerne.
Carola Heine: Vielen Dank, liebe Angela.
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